Als Führungskraft besteht Ihre eigentliche Aufgabe darin, am System zu arbeiten. Und doch ertappen sich viele dabei, den Großteil ihrer Zeit im System zu verbringen. Warum ist das so? Und warum fühlt sich operative Arbeit oft produktiver an als Gestaltungsarbeit?
Worum es geht: Arbeit im System vs. Arbeit am System
Im System bedeutet, innerhalb bestehender Strukturen Ergebnisse zu liefern: Software entwickeln, Kunden betreuen, Tickets abarbeiten, Reports schreiben.
Am System bedeutet, genau diese Strukturen zu gestalten: Prozesse zu verbessern, Entscheidungswege zu klären, Regeln zu hinterfragen, Verantwortung neu zu verteilen.

Beides ist notwendig, hat aber unterschiedliche Wirkungen:
- Arbeit im System erzeugt kurzfristig Output
- Arbeit am System ermöglicht langfristig Leistung, Qualität und Eigenverantwortung
Führung entsteht dort, wo das System so gestaltet wird, dass Menschen wirksam arbeiten können.
Führung ist Gestaltungsarbeit
Folgt man Reinhard Sprenger lassen sich zentrale Managementaufgaben klar zuordnen:
- Zusammenarbeit organisieren → im und am System
- Transaktionskosten senken → im System
- Ziel- und Wertekonflikte entscheiden → am System
- Zukunftsfähigkeit sichern → am System
- Menschen fordern und führen → am System
- Werte definieren und leben → im und am System
Drei Gründe für systemische Führungsarbeit
Die operative Arbeit produziert Ergebnisse. Die systemische Arbeit entscheidet darüber, wie teuer, wie stabil und wie nachhaltig diese Ergebnisse entstehen. Drei zentrale Gründe:
1. Grenzen der Optimierung: Viele Probleme entstehen nicht durch mangelnde Kompetenz der Mitarbeitenden, sondern durch schlecht gestaltete Strukturen, widersprüchliche Ziele oder unklare Verantwortung.
2. Nachhaltigkeit statt Symptombekämpfung: Arbeit am System verändert Muster – nicht nur Verhalten.
Sie verhindert, dass Teams nach kurzer Zeit wieder in alte Routinen zurückfallen.
3. Führung braucht Perspektivwechsel: Führungskräfte müssen bewusst zwischen Vogel- und Froschperspektive wechseln: zwischen Tagesgeschäft und Zukunftsgestaltung.
Wer dauerhaft nur im System arbeitet, optimiert Effizienz – aber nicht Wirksamkeit.
Warum wir systemische Arbeit oft vermeiden
Arbeit am System ist unbequem.
- Ergebnisse sind nicht sofort sichtbar
- Fortschritt lässt sich schwer messen
- Veränderungen brauchen Zeit
- Wirkung zeigt sich oft erst indirekt
Systemische Organisationsarbeit bedeutet: beobachten, ausprobieren, reframen, nachjustieren.
Sie verlangt Distanz zum eigenen operativen Tun – und genau das fällt vielen schwer.
Probleme kann man niemals auf derselben Ebene lösen, auf der sie entstanden sind.
— Albert Einstein
Systeme folgen eigenen Regeln
Wer am System arbeitet, sollte einige Grundprinzipien verinnerlichen:
- Systeme entwickeln mit der Zeit ein eigenes Gleichgewicht
- Systeme reagieren auf Veränderung mit Widerstand
- Kommunikation verändert Dynamiken – immer
Veränderung ist kein linearer Prozess. Sie ist ein permanentes Austarieren von Stabilität und Bewegung.
Führung bedeutet, das Hamsterrad zu stoppen
In agilen Projekten übernehmen Scrum Master bewusst die Rolle der systemischen Gestalter. In der Linienorganisation müssen Führungskräfte beide Rollen einnehmen – operative und systemische.
Wer das nicht tut, landet zwangsläufig im Hamsterrad: beschäftigt, erschöpft, aber ohne nachhaltige Wirkung.
Leaders have many skills in common with those of traditional English nannies.
— adapted from Tom DeMarco
Führung bedeutet nicht, alles selbst zu tun. Führung bedeutet, Bedingungen zu schaffen, unter denen andere wirksam werden.