Seit einiger Zeit lese ich immer mehr Artikel, in denen behauptet wird, dass agile Entwicklung nicht funktioniert – die Misserfolgsquote sei ebenso hoch wie bei klassischen Projekten.
Das agile Manifest im Alltag
Im Manifest für agile Softwareentwicklung ist das Ziel schon im ersten Satz klar formuliert: „Wir erschliessen bessere Wege, Software zu entwickeln.“
- Menschen und Beziehungen haben eine höhere Bedeutung als Prozesse und Tools
- Funktionierende (und betreibbare) Software hat eine grössere Bedeutung als umfassende Dokumentation
- Zusammenarbeit mit dem Kunden ist wichtiger für den Projekterfolg, als Vertragsverhandlung
- Der Umgang mit Veränderung ist wichtiger als das (sture) Befolgen eines Plans
Ich habe mir erlaubt im Manifest zwei Zusätze zu machen, zur besseren Verständlichkeit.
Ein Plan ist sinnvoll. Aber wenn sich äussere Bedingungen ändern, sollte man ihn flexibel anpassen statt stur daran festzuhalten..Wenn Führungsteams gewissenhaft Stand-ups machen und einen Backlog pflegen, ist das oft gut gemeint – aber nicht automatisch gut gemacht.
Das Gegenteil von gut ist gut gemeint. – Gottfried Benn
Falls du in einem solchen Führungsteam arbeitest: Schau mal auf kollegiale-fuehrung.de vorbei. Dort findest du viele Impulse, wie sich Führung in einem agilen Kontext sinnvoll weiterentwickeln kann.
So banal es klingt: Agilität muss ein konkretes Problem lösen – oder zur Lösung beitragen. Dieses „Why“ muss am Anfang stehen und klar kommuniziert werden. Ansonsten beleuchtet Golo Roden, Gründer und CTO in diesem Video viele Punkte.
Und was kommt jetzt
Ich finde Daniel Dubbel bringt es hier treffend auf den Punkt:
Agile ist tot – Lang lebe Agilität
Trotzdem – oder besser gesagt: gerade deswegen – ist Agilität noch lange nicht tot. Veredelungspotenzial in der wertschöpfenden Zusammenarbeit, bei der Kundenorientierung, der Innovationsfreude oder der Anpassungsfähigkeit und Reaktionsschnelligkeit gibt es noch genug. Agilität im Sinne von flexiblen, schnellen und iterativen Vorgehensweisen und einer entsprechenden Kultur nicht „vorbei“.
Ein Artikel auf der Website von Cassini Consulting stellt fest, dass zwar 94% der Unternehmen agile Methoden nutzen, es aber einen grossen Unterschied zwischen dem „Doing Agile“ (Methoden & Tools) und dem „Being Agile“ (Kultur & Haltung) gibt. Dieses Thema hatten wir 2019 auch in diesem Blog.
Agilität als Kultur
Agilität ist mehr als ein Hype oder ein Methodenkoffer. Sie beschreibt die Fähigkeit einer Organisation, sich schnell und wirksam an Veränderungen anzupassen.
Das erfordert eine Kultur des Experimentierens, des schnellen Scheiterns und des Lernens. Die reine Anwendung von Scrum, SAFe oder Kanban reicht nicht. Es geht um:
- Selbstorganisation
- Teamwork
- Kontinuierliche Verbesserung
- Anpassungsfähigkeit
Der Hype hat dazu geführt, dass „Agile“ vielerorts, wie ein Zauberwort benutzt wurde – ohne echtes Verständnis für den zugrunde liegenden Gedanken. Das Ergebnis: Widerstand, Frustration und formale Agilität ohne Substanz.
Was bleibt?
Die Aussage „Agil ist vorbei“ greift zu kurz. Agilität ist anstrengend – aber notwendig. Sie ist kein Allheilmittel, sondern ein Werkzeug. Eines, das richtig eingesetzt enorme Wirkung entfalten kann.
Dass Scrum heute oft mit Agilität gleichgesetzt wird, halte ich für problematisch. Ich persönlich schätze nach wie vor XP (Extreme Programming) als pragmatische und nachhaltige Arbeitsweise – vielleicht etwas veraltet, aber in der Essenz moderner denn je. Auch Kanban finde ich oft klarer und einfacher anwendbar als Scrum.
Fazit
Mir bleibt vor allem eine Frage: Auf welche Frage ist Agilität die Antwort? Wenn diese Frage ehrlich beantwortet wird, kann Agilität auch heute noch sinnvoll und wirksam eingesetzt werden.