20 Jahre Braintank — und die Fragen sind geblieben

Am 25. März 2006 erschien mit dem zweiten Beitrag unter dem Titel «Das Wort zum Sonntag» einer der frühen Braintank-Texte. Darin ging es bereits um das, was den Blog bis heute prägt: die Frage, wie Menschen in einer immer vernetzteren Welt sinnvoll handeln können.

Damals hiess das Stichwort noch «Dynaxibility»: die Fähigkeit, mit wachsender Dynamik und Komplexität professionell umzugehen. Heute sprechen wir über Ambiguität, psychologische Sicherheit, kulturelle Spannungen, Organizational Debt, Chaos Engineering, Critical Thinking oder die Zukunft der Arbeit. Die Begriffe haben sich verändert. Die Grundfrage ist geblieben: Wie bleiben Menschen, Teams und Organisationen handlungsfähig, wenn die Welt nicht einfacher, sondern dichter, schneller und widersprüchlicher wird?

Wer heute auf Braintank liest, sieht ein über viele Jahre geführtes Denkprotokoll. Und genau darin liegt vielleicht das Erstaunlichste an 20 Jahren Braintank: Nicht die Themen haben sich erledigt. Sie haben sich verschärft.

  • Wie gehen wir mit Unsicherheit um?
  • Wie lernen Menschen, Teams und Organisationen?
  • Was macht gute Führung aus?
  • Wie schaffen wir Sicherheit und Vertrauen für Menschen?
  • Und wie nutzen wir Technologie so, dass sie Menschen unterstützt, statt sie zu überfordern?

Für mich zeigt sich darin auch die Entwicklung meines Blicks auf die Welt. Anfangs war er stärker von der Informatik geprägt, von Systemen, Strukturen und der Idee von Steuerbarkeit. Später wurde er breiter, menschlicher und zugleich anspruchsvoller: mit mehr Aufmerksamkeit für Führung, Kultur, Vertrauen, Absicht, Selbstorganisation und die Zumutung echter Veränderung. Dieser Weg ist im Blog nicht nur thematisch sichtbar, sondern auch in meiner eigenen Entwicklung sichtbar. Von IT-Führungsrollen über die CIO-Verantwortung bis hin zur Selbstständigkeit und Beratung.

Der Blog dokumentiert über die Jahre auch diese Entwicklung und diese Haltung. Über die Jahre tauchen Motive immer wieder auf, werden korrigiert, geschärft und erweitert. Führung erscheint nicht als Machtfrage, sondern als Verantwortung. Technologie nicht als Selbstzweck, sondern als Mittel zum Zweck. Wissen nicht als Besitz, sondern als etwas, das aus Erfahrung, Lernen und Reflexion entsteht.

In den jüngeren Beiträgen zeigt sich zudem eine Verschiebung: von der Beschreibung der Welt hin zur Arbeit an ihr. Themen wie Vertrauen, Mission, Leadership, Problemlösung oder Teamdynamik zeigen, dass Braintank längst nicht mehr nur beobachtet. Das Blog verdichtet Erfahrungen zu Orientierung. Ein guter Freund hat das einmal so beschrieben:

«Braintank ist nie ein Blog des schnellen Meinens. Es war immer eher ein Ort des prüfenden Denkens. Ein Ort, an dem Begriffe ernst genommen werden, weil sie unser Handeln prägen. Ein Ort, an dem Management, Technologie und Menschlichkeit nicht gegeneinander ausgespielt, sondern zusammen gedacht werden. Und ein Ort, an dem Erfahrung nicht als Rangabzeichen gilt, sondern als Material für Einsicht.»

Besser könnte ich es selbst kaum sagen.

Denn in diesen zwei Jahrzehnten ist vieles anders geworden: Technologien, Organisationsformen, Moden, Schlagworte, Erwartungen. Geblieben ist der Bedarf an Orientierung. Geblieben ist die Notwendigkeit, Komplexität nicht nur zu beklagen, sondern sie zu bearbeiten. Geblieben ist auch die Einsicht, dass nachhaltige Wirkung dort entsteht, wo Denken, Sprache und Handeln zusammenfinden.

Im letzten Jahr sind zudem zwei neue Kategorien dazugekommen: TEDx als Sammlung der besten im Blog verwendeten Videos und der Fragebogen als angepasster Proust-Fragebogen, den ChatGPT auswertet. Auch das passt für mich zu Braintank: neue Formen, aber dieselbe Neugier.

Und ich lade Euch alle ein, daran teilzunehmen. Vor gut zehn Jahren habe ich unter dem Titel «10 Jahre Bloggen» schon einmal einen Zwischenstand festgehalten. Im Rückblick zeigt auch dieser Text die Entwicklung bereits recht deutlich.

Die vielleicht beste Zusammenfassung dieser 20 Jahre ist für mich deshalb diese: Ich habe nicht auf alles eine Antwort gefunden. Aber ich habe die Fragen nicht aus den Augen verloren.