Wer viel erlebt hat, soll klüger urteilen. Doch genau das stimmt nicht automatisch.
Erfahrung allein ist kein Wert. Sie ist Rohmaterial.
Darauf hat mich kürzlich wieder ein Gespräch über Erfahrung gebracht — und die Frage, was eigentlich aus ihr werden sollte. In diesem Zusammenhang musste ich an einen LinkedIn-Beitrag von Antje Lenk denken. Dort schrieb sie:
Erfahrung ist überbewertet, und wer sie als Argument nutzt, hat schon verloren
Antje Lenk
Das ist zugespitzt formuliert. Aber gerade deshalb lohnt sich die Auseinandersetzung.
Denn tatsächlich: Erfahrung ist dann wertlos, wenn sie nur als Rangabzeichen vor sich hergetragen wird. Wenn sie dazu dient, Diskussionen zu beenden, statt sie zu vertiefen. Wenn sie als Schutzschild gegen neue Perspektiven eingesetzt wird.
Aber Erfahrung ist nicht bedeutungslos. Im Gegenteil. Sie wird dort wertvoll, wo sie reflektiert, weiterentwickelt und in gutes Handeln übersetzt wird. Dazu hier ein kurzer Youtube Beitrag von Alexander Dammann beschrieben.
Erfahrung braucht Reflexion
Nicht die Anzahl der Jahre entscheidet. Auch nicht die Dauer einer Laufbahn. Oder die Summe der Alters- oder Dienstjahre. Entscheidend ist, was ein Mensch aus seinen Erfahrungen macht.Wer Erfahrung nur sammelt, wiederholt oft nur Muster. Wer Erfahrung reflektiert, entwickelt Urteilskraft.
Was für mich wirklich zählt, sind deshalb vier Dinge:
Erstens: Selbstreflexion.
Erfahrung wird erst dann wirksam, wenn wir bereit sind, uns selbst zu hinterfragen. Was habe ich wirklich verstanden? Wo lag ich falsch? Was würde ich heute anders machen? Ohne diese ehrliche Auseinandersetzung bleibt Erfahrung bloße Vergangenheit.
Zweitens: Offenheit für neue Perspektiven.
Erfahrung darf nie in Gewissheit erstarren. Gerade im technischen, unternehmerischen und zwischenmenschlichen Umfeld verändert sich die Wirklichkeit ständig. Dazu der Blogbeitrag von 2006: Bewährtes Wertschätzen, offen sein für Neues. Wer Erfahrung mit Offenheit verbindet, behält Orientierung und Lernfähigkeit.
Drittens: analytische Verdichtung.
Erfahrung zeigt ihren Wert dort, wo Beobachtetes, Gehörtes und Erlebtes sauber eingeordnet werden. Gute Entscheidungen entstehen nicht aus Lautstärke, sondern aus Klarheit. Nicht aus Reflexen, sondern aus dem Vermögen, aus Komplexität ein stimmiges Bild zu formen.
Viertens: die Fähigkeit, Menschen in Bewegung zu setzen.
Erfahrung bleibt folgenlos, wenn sie nicht wirksam wird. Wer andere überzeugen, Orientierung geben und Teams mitnehmen kann, macht aus Einsicht Handlung. Erst dann entsteht Wirkung.
Erfahrung und Führung
Die besten Führungskräfte, die ich kenne, berufen sich selten auf ihre Erfahrung. Sie müssen das nicht. Sie stellen sich nicht in den Mittelpunkt. Und doch sind sie präsent. Sie wirken nicht durch Selbstinszenierung, sondern durch Klarheit, Ruhe und Haltung. Ihre Stärke ist oft mit einer bemerkenswerten Demut verbunden.
Denn nur wer zuhört, kann verstehen. Und nur wer versteht, kann verändern.Vielleicht ist genau das der Unterschied zwischen gelebter Erfahrung und bloss angesammelter Vergangenheit: Die einen wollen Recht behalten. Die anderen wollen Wirklichkeit erfassen.
Was Erfahrung für mich ist
Was ich für mich selbst erst spät entdeckt habe, ist die Kraft eines einfachen Satzanfangs:
„Wie interessant, dass …“
Darin steckt mehr, als es auf den ersten Blick scheint. Dieser Satz schafft Abstand zum vorschnellen Urteil. Er öffnet einen Raum, in dem Beobachtung wichtiger wird als Bewertung.
Denn vieles, was wir erleben, löst unmittelbar Reaktionen aus: Zustimmung, Ablehnung, Ärger, Irritation. Das gilt besonders in der Zusammenarbeit mit Menschen. Oft glauben wir früh zu verstehen, was los ist. In Wahrheit beginnen wir häufig nur, unsere eigenen Muster auf andere zu projizieren.
Wer schnell versteht, hat oft noch nicht wirklich verstanden.
Aus wenigen Eindrücken entsteht leicht die Illusion von Klarheit. Doch in dynamischen Systemen ist genau das gefährlich. Dort ist Beobachtung keine Nebensache, sondern eine Schlüsselkompetenz.
Erst wer wirklich beobachtet, kann sinnvoll einordnen. Und erst dann wird gutes Handeln möglich.