Organisationen scheitern selten an zu wenig Talent. Sie scheitern daran, dass sie Talente falsch einsetzen.
Gute Führung zielt darauf ab, Menschen wachsen zu lassen, statt sie klein zu halten. Führung bedeutet, Stärken zu stärken und individuelle Schwächen irrelevant zu machen. Sie schafft Bedingungen, in denen Menschen lernen können und Teams entstehen.
Jeder Mensch ist ein Genie. Aber wenn wir einen Fisch danach beurteilen, wie gut er auf einen Baum klettern kann, wird er sein ganzes Leben lang denken, er sei dumm.
Albert Einstein
Das gilt selbst für Einstein. Er war in der Schule kein Wunderkind. Seine Stärken blieben lange unentdeckt. Im Jahr seines wissenschaftlichen Durchbruchs arbeitete er als Hilfsprüfer im Schweizer Patentamt. Zuvor hatte er erfolglos versucht, eine akademische Stelle zu bekommen.
Talent entfaltet sich nicht immer dort, wo wir es erwarten.
Was uns beigebracht wird
In seinem Buch «The Effective Executive» betont Peter F. Drucker, dass jede Person über individuelle Stärken verfügt – und ebenso über zahlreiche Schwächen. Entscheidend ist nicht, diese Schwächen zu beseitigen, sondern die vorhandenen Stärken produktiv zu machen.
Ähnlich argumentiert das Teamrollen-Modell von Meredith Belbin. Jede Teamrolle bringt typische Stärken mit sich – und sogenannte „zulässige Schwächen“. So kann etwa eine kreative Plant zerstreut sein oder ein entschlossener Shaper ungeduldig wirken. Solche Eigenschaften sind akzeptabel, solange die Stärke, die sie begleitet, für das Team wertvoll ist.
Leider konzentriert sich unsere Ausbildung häufig darauf, Schwächen zu korrigieren. Das führt zu ausgewogenen Profilen ohne ausgeprägte Stärken. Organisationen sollten stattdessen versuchen, Stärken produktiv zu machen – und akzeptieren, dass Schwächen zwar existieren, aber nicht entscheidend sein müssen.
Individuelle Schwächen müssen für die Leistung einer Organisation ausgeglichen werden, aber nicht unbedingt individuell.
Leistung entsteht meistens, wenn unterschiedliche Stärken zusammenwirken.
Und was hat Führung damit zu tun?
Führung beginnt mit Selbstkenntnis. Wer andere führen will, muss zunächst die eigenen Stärken und Schwächen kennen und akzeptieren.
Sei du selbst. Alle anderen Rollen sind schon vergeben.
Oscar Wilde
Das klingt einfach, ist aber das Ergebnis systematischer Reflexion. Effektive Führungskräfte überprüfen regelmässig ihre Ziele, ihr Verhalten und ihre Wirkung. Nach Drucker bedeutet das vor allem:
- Seine Stärken konzentrieren und sie bewusst einsetzen
- Konsequent auf diesen Stärken aufbauen
- Verhaltensweisen und Gewohnheiten reduzieren, welche der Entfaltung der Stärke nicht helfen
- Aufhören, Dinge zu tun, die man nicht gut kann
- So wenig Aufwand wie möglich für verbleibende Schwächen
Führung bedeutet Gleichwertigkeit
Eine weitere Voraussetzung für gute Zusammenarbeit ist Gleichwertigkeit.
Der dänische Familientherapeut Jesper Juul beschreibt damit Beziehungen, in denen Menschen sich gegenseitig mit Respekt und gleicher Würde begegnen. Er formulierte es so:
Kinder sind vollwertige Menschen und eine Beziehung auf Augenhöhe verdienen, bei der Eltern allerdings eine klare Führungsrolle einnehmen.
Jesper Juul
Ähnliches gilt für Organisationen. Auch dort braucht es Führung. Aber Führung bedeutet nicht, Menschen zu dominieren, sondern Verantwortung für das gemeinsame Ergebnis zu übernehmen.
Stärkenorientierte Führung setzt voraus, dass Menschen als vollwertige Partner gesehen werden – nicht als Probleme, die korrigiert werden müssen.
Ein letzter Gedanke
Organisationen verschwenden oft viel Energie darauf, Schwächen zu reparieren. Leistung entsteht jedoch selten aus der Beseitigung von Defiziten. Sie entsteht dort, wo Stärken wirken können.
Die Aufgabe von Führung ist es deshalb nicht, Menschen zu verändern – sondern Bedingungen zu schaffen, in denen ihre Stärken produktiv werden.