Nicht mangelnde Kompetenz bringt Organisationen in Schwierigkeiten, sondern verzögerte Wahrheit und irreversible Entscheidungen.
2021 hat «Das Magazin» in der Kolumne Krogerus & Tschäppeler Kleines Lob der Negativität, darauf hingewiesen, dass ein wenig Negativität dabei helfen kann, bessere Projekt-Ergebnisse zu erzielen.
Genau hier setzt das Truth-Absorption–Reversibility-Modell an. Es ist kein weiteres Framework, sondern eine zusätzliche Linse auf Führung, Governance und Produktentscheidungen in komplexen Umgebungen.
Truth Absorption: Wie schnell darf Realität wirken?
Wenn alles in Ordnung ist, dann stimmt die Realität meistens von alleine. Was ist aber, wenn das nicht gegeben ist. Zum Beispiel im Projekt-Geschäft sehe ich häufig, wie gefiltert, verzögert oder beschönigt wird. Hier einige Beispiele:
- Statusberichte beruhigen, statt informieren
- Risiken werden «verwaltet», aber nicht gelöst
- Schlechte Nachrichten brauchen Meetings und Freigaben
Darum ist die zentrale Frage:
Wie schnell kann neue, unbequeme Wahrheit Entscheidungen verändern?
Reversibility: Kann man noch zurück?
Fehler sind normal. Gefährlich werden sie, wenn Entscheidungen irreversibel sind. Irreversibilität entsteht z. B. durch:
- langfristige Bindungen «zur Beschleunigung»; besonders gerne bei Lieferanten gesehen
- Architekturentscheidungen ohne Exit und Ablaufdatum
- öffentliche Commitments vor Lernphasen
Je teurer Umkehren ist, desto mehr wird Wahrheit verdrängt. Reversibilität senkt nicht Entschlossenheit – sie senkt Risiken.
Warum das Modell heute so relevant ist
Weil Unternehmen in einem Umfeld von grösserer Unsicherheit agieren, eine enge Kopplung von Elementen besteht und Fehler wenn sie eingetroffen sind, können sehr schnell zu Eskalationen führen. Planung ersetzt Lernen nicht mehr. Kontrolle ersetzt Realität nicht. Und Nein, der Irrtum der Planung ersetzt nicht den Zufall des Resultats.
Zwei Fragen, die alles sichtbar machen
Stellen Sie jedem Projekt die folgenden zwei Fragen:
- Wie schnell wird eine schlechte Nachricht wirksam?
- Wie teuer ist ein Kurswechsel?
Die Antworten zeigen die Risiken klar.

- Hohe Truth Absorption + hohe Reversibility → Lernfähigkeit, Anpassung, Resilienz
- Niedrige Truth Absorption + niedrige Reversibility → Eskalation, Selbsttäuschung, Death March
Fazit
Das Modell fordert einen kulturellen Wechsel:
- statt Scheinsicherheit versucht man besser zu verstehen und erhöht die Lernfähigkeit
- Aus «richtig entscheiden» wird «korrigierbar entscheiden«
- von Kontrolle zu Anpassung und Hinterfragen
Nicht Planung entscheidet über Erfolg, sondern die Fähigkeit, sich zu korrigieren. Organisationen scheitern dort, wo Wahrheit verzögert und Entscheidungen verteidigt werden, statt sie zu revidieren.