Sechstes Jahr Selbstständigkeit

In meinem sechsten Jahr der Selbstständigkeit habe ich vor allem eines gelernt: Schritte ins Leere gehören dazu.

Nicht jede nächste Etappe lässt sich planen. Manchmal muss ich losgehen, ohne genau zu wissen, welcher Auftrag, welches Projekt oder welche Begegnung daraus entstehen wird. Ich merke, dass ich damit besser umgehen kann als früher.

Ich vertraue stärker darauf, dass Arbeit zu mir kommt. Nicht von selbst und nicht zufällig. Sondern weil aus guter Arbeit Beziehungen entstehen, aus Beziehungen Gespräche und aus Gesprächen neue Möglichkeiten.

Dieses Vertrauen fällt mir heute leichter. Trotzdem bleibt jeder Schritt ins Leere ein Schritt ins Leere.

Nicht alles lässt sich planen

Ich bin mit einem klaren Ziel in dieses Jahr gestartet: Ich wollte mein Buch «A Sequel to Death March Projects» veröffentlichen.

Das Manuskript ist geschrieben. Das Testlesen hat stattgefunden. Und das Feedback war umfangreicher, differenzierter und hilfreicher, als ich erwartet hatte. Dafür bin ich sehr dankbar.

Gleichzeitig hat es mir gezeigt, dass gute Dinge manchmal länger brauchen. Die Rückmeldungen ernsthaft einzuarbeiten, statt sie nur abzuhaken, braucht Zeit. Das Buch ist deshalb noch nicht veröffentlicht. Aber es ist durch das Feedback besser geworden.

Auch das gehört für mich zur Selbstständigkeit: ein Ziel konsequent zu verfolgen, ohne sich von einem ursprünglich gesetzten Termin beherrschen zu lassen.

Daneben konnte ich zwei Herzensprojekte wieder mit Leben füllen: Curiaself und streight. Beide verbinden auf unterschiedliche Weise vieles von dem, was mich antreibt: komplexe Zusammenhänge verstehen, neue Perspektiven schaffen und daraus etwas entwickeln, das Menschen konkret weiterhilft.

Weniger Antworten, mehr Raum

Auch meine Art der Zusammenarbeit verändert sich.

Ich schaffe es immer besser, mich auf ein Team einzulassen und herauszufinden, was dieses Team gerade braucht. Ich versuche, Bedingungen zu schaffen, unter denen Menschen ihre Stärken einbringen können.

Ich gebe eine Absicht vor, keine detaillierte Anleitung. Ich lade Menschen ein, sich einzubringen. Und ich stelle häufiger Fragen, bevor ich eine Lösung anbiete. Das klingt einfach. Für jemanden, der viele Jahre dafür bezahlt wurde, Antworten zu geben, ist es das nicht immer.

Mit zunehmender Erfahrung wird Führung für mich deshalb nicht bestimmter, sondern zurückhaltender. Es geht weniger darum, selbst die Lösung zu kennen. Es geht darum, einen Rahmen zu schaffen, in dem andere ihre eigenen Antworten finden können.

Was in Erinnerung bleibt

Ich werde immer wieder gefragt,welche Erfolge mir aus meinem bisherigen Berufsleben besonders in Erinnerung geblieben sind. Ergebnisse zählen – für meine Kunden und für mich. Besonders geprägt haben mich jedoch die Situationen, in denen sie ausblieben oder anders ausfielen als erwartet.

  • Ich erinnere mich an die Projekte, die nicht zum gewünschten Ergebnis geführt haben.
  • An Gespräche, die ich früher hätte führen sollen.
  • An Entscheidungen, von denen ich überzeugt war und die sich später trotzdem als falsch erwiesen.
  • Und an Situationen, in denen ich glaubte, die Antwort zu kennen, obwohl ich zuerst noch besser hätte zuhören müssen.

Diese Erfahrungen haben mich stärker geprägt als viele Beförderungen, Titel oder erfolgreiche Geschäftsergebnisse.

Ich höre heute länger zu, als es sich angenehm anfühlt. Nicht, weil ich keine eigene Meinung hätte. Sondern weil die besten Gedanken selten von der lautesten oder ranghöchsten Person im Raum kommen.

Ich weiss, dass Vertrauen in kleinen Momenten entsteht. Nicht durch Organigramme oder Funktionsbezeichnungen, sondern durch Verlässlichkeit, Ehrlichkeit und die Bereitschaft, einzugestehen, wenn man sich geirrt hat.

Ich versuche weniger, selbst die Antwort zu geben. Stattdessen helfe ich Menschen und Teams dabei, ihre Situation besser zu verstehen und ihren eigenen nächsten Schritt zu finden.

Vielleicht ist das eine der grössten Veränderungen meines sechsten Jahres: Ich muss nicht mehr in jedem Moment beweisen, was ich weiss.

Court Jester und Reparateur

Mit den Aufgaben, die an mich herangetragen werden, kristallisieren sich zwei Rollen immer deutlicher heraus.

Die erste ist die Rolle des Court Jesters: die des loyalen Hofnarren und kritischen Sparringspartners. Der Hofnarr durfte aussprechen, was andere nicht zu sagen wagten. Er stellte Selbstverständlichkeiten infrage und hielt der Macht den Spiegel vor – nicht als ihr Gegner, sondern im Dienst der Sache.

Diese Rolle übernehme ich gerne. Ich stelle Fragen, die andere vielleicht vermeiden. Nicht um zu provozieren, sondern um Bewegung in festgefahrene Situationen zu bringen.

Die zweite Rolle ist die des Reparateurs – nicht von Menschen, sondern von Strategien, Projekten und Strukturen, die nicht mehr die gewünschte Wirkung entfalten.

Ich arbeite gerne an Dingen, die bereits existieren, aber nicht mehr richtig funktionieren. An Strategien, die zu abstrakt geblieben sind. An Projekten, die an Schwung verloren haben. An Organisationen, die sich verändern müssen und noch nach einem tragfähigen Weg suchen.

Mich reizt es, gemeinsam Ordnung zu schaffen, Zusammenhänge sichtbar zu machen und etwas wieder zum Laufen zu bringen.

In beiden Rollen geht es nicht nur um Analyse. Es geht immer auch um Umsetzung. Mein Motto passt deshalb noch immer:

«Elegante Lösungen für komplexe Fragestellungen. Hands-on geliefert.»

Ich möchte nicht nur kluge Gedanken hinterlassen. Ich möchte dazu beitragen, dass daraus etwas entsteht.

Dinge zu Ende bringen

Im kommenden Jahr möchte ich einige meiner Vorhaben konsequent zu Ende bringen. Das Buch gehört dazu. Ebenso die Weiterentwicklung bestehender Projekte und die Frage, welche davon wirklich Substanz besitzen.

Mein persönlicher Kompass bleibt dabei derselbe:

«Bewährtes wertschätzen, offen sein für Neues.»

Ich möchte Kreativität mit Fachkenntnis verbinden, Erfahrung mit Neugier und Denken mit Umsetzung.

Gerade in einer immer komplexeren Welt braucht es aus meiner Sicht nicht noch mehr Konzepte, die nur auf Folien funktionieren. Es braucht Lösungen, die verstanden, entschieden und umgesetzt werden können. Diese Umsetzung macht mir Freude. Und sie sorgt dafür, dass ich weiterlerne.

Der nächste Schritt

Auch im nächsten Jahr möchte ich mit Menschen und Organisationen arbeiten, die Veränderung gestalten wollen – besonders dann, wenn sie sich in einer komplexen Situation befinden und wieder Orientierung gewinnen möchten.

Ich weiss nicht, welche Aufgaben, Begegnungen und Projekte das siebte Jahr bringen wird. Aber das sechste Jahr hat mir gezeigt, dass ich nicht wissen muss, wohin jeder Schritt führt. Ich muss bereit sein, ihn zu gehen. Mit Respekt für das Bewährte. Mit Offenheit für das Neue. Und mit dem Anspruch, nicht nur zu denken, sondern auch zu liefern.

Der nächste Schritt darf deshalb ruhig wieder ein Schritt ins Leere sein.